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Dissoziative Identitätsstrukturen

Die dissoziative Identitätsstruktur ist eine Traumafolge, die bei Betroffenen organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt häufig auftritt. In der medizinischen Terminologie heißt es „Dissoziative Identitätsstörung“. Vielen Betroffenen und Helfenden fällt es aber schwer, von einer Störung zu sprechen (siehe dazu auch weiter unten). Daher hat sich in der Praxis zusätzlich die Bezeichnung „Dissoziative Persönlichkeitsstruktur“ etabliert. Der folgende Text beschreibt dieses Symptombild und seine Hintergründe näher und ordnet es in den Kontext von Gewaltanwendung ein. Die Erkenntnisse stammen aus Forschungsergebnissen, Erlebnisberichten von betroffenen Personen und Erfahrungen aus der (klinischen) Praxis. 

Was ist Dissoziation und wodurch entsteht sie?

Der Begriff „Dissoziation“ heißt übersetzt „Auseinanderfallen“ und ist damit das Gegenteil von Assoziation („Verknüpfung“). Im Alltag verarbeiten und integrieren wir Sinneseindrücke im Gehirn. Das heißt: Wir bewerten, versprachlichen und verknüpfen – sprich assoziieren – sie mit bestehenden Erfahrungen. Das Spektrum an dissoziativen Zuständen ist breit und beginnt bei harmlosen Alltagserscheinungen, zum Beispiel wenn wir uns stark konzentrieren oder routinemäßig handeln etwa beim Autofahren (1). In traumatischen Situationen kann es durch die starke Stressreaktion zu dissoziativen Phänomenen kommen. Der Integrationsprozess setzt aus, um die traumatische Situation überstehen zu können: Was nicht aushaltbar ist, wird vom Bewusstsein abgespalten und erreicht als Sinneseindruck zwar das Gehirn, kann aber nicht in Worte gefasst, verstanden oder verarbeitet werden. Das traumatische Erlebnis ist somit abgespeichert, wird vom Gehirn jedoch nicht mit dem Rest des Ichs verknüpft. Es findet ein Auseinanderfallen psychischer Funktion statt: eine Dissoziation. Viele Menschen nutzen auch den Begriff „Abspaltung“. Betroffene beschreiben den Zustand der Dissoziation häufig so, als ob sie schmerzvolle Emotionen oder Körperempfindungen wie aus der Ferne wahrnehmen. Manche berichten auch, sie hätten sich in der Situation von außen oder weit entfernt, über den Dingen schwebend erlebt, als würden sie die Situation wie ein:e Beobachter:in verfolgen. Dissoziation ist damit etwas anderes als Verdrängung. Wenn eine Person traumatische Erinnerungen verdrängt, dann unterdrückt das Gehirn bereits versprachlichte Gedächtnisinhalte. Die Erinnerungen mögen im Moment zwar „undenkbar“ und unerwünscht sein, Betroffene könnten aber von ihnen berichten. Das heißt: Sie sind der sprachlichen Verarbeitung prinzipiell zugänglich. Dissoziation hingegen bezeichnet eine Desintegration (Abspaltung) und Fragmentierung (Zergliederung) von Erlebnissen, bevor eine Versprachlichung stattgefunden hat. Dissoziierte Gedächtnisinhalte sind daher nicht willentlich abrufbar. Je ausgeprägter dissoziative Symptome während und nach einer traumatischen Situation auftreten, desto wahrscheinlicher ist es, dass in der Folge eine Posttraumatische Belastungsstörung entsteht (2).

Wie kommt es zu einer dissoziativen Identitätsstruktur?

Die dissoziative Identitätsstruktur ist in der Regel eine Folge überwältigender Belastungen und Leids – zum Beispiel durch schwere und wiederkehrende Gewalteinwirkung in der frühen Kindheit. Je massiver und häufiger Gewalterfahrungen sind und je jünger die betroffene Person ist, desto ausgeprägter sind auch die Folgen von Traumatisierungen (3). Sind die Tatpersonen gleichzeitig auch noch die Eltern oder andere Fürsorgepersonen, entsteht für das betroffene Kind eine bedrohliche Abhängigkeit und Schutzlosigkeit, die es womöglich nur durch Dissoziation bewältigen kann. Laut der gängigen Theorie zur Entstehung dissoziativer Identitätsstrukturen bewirkt diese Dissoziation bei jüngeren Kindern, die noch kein stabiles Ich-Gefühl entwickelt haben, dass sie in extremen und existenziell bedrohlichen Situationen ihre Erfahrungen nicht in eine kohärente Identität integrieren. Es entstehen „Innenpersonen“, welche die Last der andauernden traumatischen Erfahrungen tragen und von der „Alltagspersönlichkeit“ (so heißt der Persönlichkeitsanteil, der im Alltag meist die Kontrolle über das Denken und Handeln hat) und somit aus ihrem alltäglichen Leben fernhalten. So können Kinder weiterhin die lebensnotwendige Bindung zu gewalttätigen Eltern beziehungsweise Bezugspersonen aufrechterhalten, ohne diese als Tatpersonen wahrzunehmen. Das Symptombild einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) kann wie verschiedene mehr oder weniger eigenständige Persönlichkeiten innerhalb eines Körpers erscheinen, weshalb es früher als „multiple Persönlichkeitsstörung“ bezeichnet wurde (4). Heute wird die DIS durch verschiedene Persönlichkeitszustände mit jeweils eigenen Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern charakterisiert (5). Viele Betroffene und Helfende sehen in der Ausbildung verschiedener Persönlichkeitsanteile einen wichtigen Bewältigungsmechanismus – eine Anpassungsleistung der Betroffenen in einer gewaltvollen Realität, die sonst nicht überlebbar wäre. Vor diesem Hintergrund fällt es ihnen schwer, von einer Störung zu sprechen., weshalb sich in der Praxis zusätzlich die Bezeichnung „Dissoziative Identitätsstruktur“ etabliert. Für Fachkräfte ist es herausfordernd, eine DIS zu erkennen und in der Diagnostik von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen. Sie brauchen fundierte Kenntnisse, um eine fachgerechte Diagnose stellen zu können. Viele betroffene Menschen berichten, dass sie schon einmal eine falsche Diagnose bekommen haben – zum Beispiel die der Borderline-Persönlichkeitsstörung oder der Schizophrenie (6). Darüber hinaus wird das Symptombild der DIS oft übersehen (7). Viele Kliniker:innen stellen sich darunter ein schrilles Symptom-Muster vor, bei dem die verschiedenen Persönlichkeitsanteile offenkundig zum Vorschein kommen. Dissoziative Symptome sind aber meist diskret, werden durch andere psychische Störungen verdeckt und müssen daher aktiv und fachkundig erfragt werden (7,8).

Wie erleben betroffene Personen eine dissoziative Identitätsstruktur?

Bei einer dissoziativen Identitätsstruktur haben Betroffene häufig Schwierigkeiten, sich als eine einzige und zusammenhaltende Identität zu erleben. Zudem entwickeln die verschiedenen abgespaltenen Persönlichkeitsanteile häufig eine Art Eigenleben, das im Alltagsbewusstsein oftmals nicht ausreichend zugänglich und steuerbar ist. Einmal gebahnt, kann sich die dissoziative Bewältigungsstrategie in Stresssituationen wiederholen: Die Bildung weiterer Persönlichkeitsanteile passiert dann möglicherweise auch bei geringerem, nicht unbedingt lebensbedrohlichem Stress. Menschen mit einer dissoziativen Identitätsstruktur verhalten und erleben sich so, als gäbe es mehrere verschiedene Personen in ihnen. Viele leiden darunter, dass sie sich im Alltag an umfassende Erfahrungen nicht mehr erinnern können und dass sie keine zuverlässige Kontrolle über ihr eigenes Denken, Fühlen und Handeln haben. Dadurch kann es beispielsweise zu Missverständnissen und Störungen im sozialen Miteinander kommen. Eine Studie hat gezeigt: Hirnfunktionen und die Regulation des hormonellen Systems lassen sich einzelnen Persönlichkeitsanteilen zuordnen. Die Forscher:innen haben bei den teilnehmenden Personen verschiedene neuroendokrine Messungen des vegetativen Nervensystems durchgeführt, während gleichzeitig Trauma-Skripte, sprich einzelne Segmente der traumatischen Erfahrung, bearbeitet wurden. Bei den Teilnehmenden mit einer DIS konnten sie feststellen, dass es Reaktionen unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile mit verschiedenen Antworten des vegetativen Nervensystems gab (9).

Dissoziative Identitätsstrukturen im Kontext von organisierter und ritueller Gewalt

Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Strukturen beginnt nach den Berichten Betroffener meist im frühen Kindesalter. Sehr häufig sollen Familienmitglieder in die Tatpersonengruppen involviert sein (10) – entweder dadurch, dass sie selbst aktiv an der Durchführung der Gewalt beteiligt sind oder weil sie die Kinder der Gruppierung ausliefern (11). Berichte von Betroffenen legen nahe, dass Tatpersonen im Kontext von organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt das Phänomen der Dissoziation strategisch ausnutzen. Berichtet wird, dass sie durch die systematische Anwendung von Gewalt die Entstehung dissoziativer Persönlichkeitsanteile fördern. In anderen Worten: Die Tatpersonen würden wissen, wie Dissoziation funktioniert und setzten systematisch Gewalt ein, damit Persönlichkeitsanteile entstehen. Diese würden dann für die Zwecke der Tatpersonen trainiert, also zum Beispiel für sexuelle Ausbeutung und das Einhalten von Schweigegeboten (11). Zudem berichten Betroffene wie Fachkräfte, dass Tatpersonen im Kontext organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt auch dissoziative Persönlichkeitsanteile ideologisch indoktrinieren. Das heißt: Die Tatpersonen vermitteln einzelnen Persönlichkeitsanteilen bestimmte Überzeugungen und Weltanschauungen, nach denen die erlebte Gewalt legitim sei und einem höheren Zweck oder einer höheren Macht diene. Daneben existieren Persönlichkeitsanteile, die den Alltag bewältigen und an die Gewalt wenige oder keinerlei Erinnerungen haben. Dadurch ist es möglich, dass Betroffene im Alltag ein unauffälliges Leben führen, während sie parallel dazu in organisierten sexualisierten und rituellen Gewaltstrukturen sexuell ausgebeutet und in schwere Straftaten verwickelt werden. Berichten zufolge geht es häufig auch noch erwachsenen Betroffenen so, die bereits im Gesundheitssystem behandelt werden: Während manche Persönlichkeitsanteile zur Therapie gehen, erleben andere weiterhin Gewalt durch die Tatpersonen. Dies wird oft erst im Laufe einer Psychotherapie und mit zunehmender Kooperation von Persönlichkeitsanteilen, die diese Gewalt erleben, deutlich.

Praxiserfahrung zeigt, dass die Entstehung und Ausprägung der DIS bei Betroffenen je nach Kontext der Gewalt und Zugehörigkeit der Tatpersonen sehr unterschiedlich sein kann: So gehen Praktiker:innen davon aus, dass bei einigen Betroffenen dissoziative Persönlichkeitsanteile als spontane Bewältigungsreaktion in Gewaltsituationen entstanden sind. Bei anderen wiederum seien nahezu alle dissoziativen Persönlichkeitsanteile von Tatpersonen geplant hervorgebracht worden.

Wie zeigen sich Persönlichkeitsanteile?

Je nach persönlicher Lebensgeschichte und nach Ausmaß der erlittenen Traumata sind die Ausgestaltung und die Anordnung der Persönlichkeitsanteile unterschiedlich. Es gibt Persönlichkeitsanteile, die mehr oder weniger gut an die verschiedenen sozialen Anforderungen in Familie, Beruf und Gesellschaft angepasst sind. Diese haben im Alltagsbewusstsein keinen oder wenig Zugang zu den anderen Persönlichkeitsanteilen. Daneben gibt es andere Anteile, die traumatische Gefühle und Erinnerungen in sich tragen. Oft treten sie als traumatisierte, angstvolle kindliche Anteile auf, welche die Tatpersonen gegebenenfalls fürchten. Zudem soll oftmals auch Persönlichkeitsanteile geben, welche die Haltung der Tatpersonengruppe übernommen haben. Sie seien oft misstrauisch und feindselig gegenüber anderen Menschen und lehnten die Therapie in der Regel (zunächst) ab.


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